Anlässlich der 18. Internationalen AIDS-Konferenz, die Ende Juli 2010 in Wien unter dem Motto „Rights Here, Right Now“ stattgefunden hat, greifen wir die HIV-Therapie und ihre Möglichkeiten auf und berichten über die aktuellen Trends in Wissenschaft und Forschung. 19.100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 193 Ländern waren bei AIDS 2010 vertreten. Das einwöchige Konferenzprogramm eröffnete insgesamt 248 Sitzungen aus Wissenschaft, Gesellschaft und Politik. Dies spiegelt die steigende Brisanz desThemas wider.(1)
Im Jahr 2009 zählte man in Vorarlberg 126 betreute und behandelte Personen, 65 der 80 Aidskranken starben an der Infektion. In Österreich gab es gesamthaft zehn Neuerkrankungen und 507 Neuinfektionen. (2) Tendenziell infizieren sich viele junge Männer im Alter von ca. 20 Jahre. Entgegen dem klischeeträchtigen Verbreitungsansatz, AIDS verbreite sich hauptsächlich unter homosexuellen jungen Männern, sei angemerkt, dass die aktuellsten Statistiken Folgendes belegen: Die Zahl der sich infizierenden Frauen und Mädchen beläuft sich bereits auf ein Drittel aller Neuinfektionen in Österreich. Die Sorglosigkeit, an AIDS zu erkranken, nimmt stetig zu, was u.a. auf die bereits guten Therapiemöglichkeiten zurückzuführen ist. „Eine Pille - das sind drei Wirkstoffe pro Tag klingt verführerisch und verschleiert die Problematik, welche hinter einer HIV-Infizierung steht.“ (3) Derzeit leben rund 9.000 ÖsterreicherInnen mit HIV oder AIDS. Die Zahl der jährlich neu diagnostizierten HIV-Infektionen ist dabei in den letzten zehn Jahren von 313 auf rund 500 pro Jahr angestiegen. 1995 lag die Sterberate bei 25 pro 100 Erkrankten. Heute liegt die Todesrate für Männer bei unter zehn pro 100, für Frauen unter fünf. Ein/e HIV-Infizierte/r erreicht eine durchschnittliche Lebenserwartung von ca. 60 Jahren. (4)
Stigmatisierung, Diskriminierung, Verfolgung und Kriminalisierung gegen infizierte und betroffene Menschen, stellen wesentliche Hindernisse in der Kontrolle des HI-Virus dar. Sie resultieren in großen Barrieren Tests, Gesundheitsversorgung und Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Dadurch wird das Risiko weiterer Übertragung und Verbreitung drastisch erhöht. Zudem führt es zu politischen Fehlentscheidungen bzw. Fehlleitungen nationaler Ressourcen - Schlüsselprogrammen gegen die Aidsverbreitung werden weniger politische Dringlichkeit zugeordnet. Die geschlechtsspezifische Diskriminierung gegen Frauen trägt wesentlich zur steigenden Anzahl weiblicher AIDS-Patienten bei. (5) In den Ländern, wo u.a. die Bildung und Förderung von Frauen und Mädchen politisch unterbunden wird, forciert sich die strukturelle Verbreitung von AIDS. Im Juni 2010 wurden in Namibia in diesem Zusammenhang Fälle gerichtlich prozessiert. Drei Frauen verklagten den Staat, weil sie nach einem positiven HIV-Test in öffentlichen Spitälern ohne ihr eindeutiges Einverständnis zu einer Sterilisation gezwungen wurden. Diese Frauen gehen nicht mehr freiwillig in ein Krankenhaus und werden ihre Kinder daher nicht behandeln lassen. (7) Grundvoraussetzung im Kampf gegen AIDS, ist die Achtung der fundamentalen Grundrechte jedes einzelnen Menschen: Das Recht auf Würde, Selbstbestimmung, gleichen Zugang zu Gesundheitsversorgung, Präventions-, und Behandlungsprogrammen sowie das Recht auf Maßnahmen, die sachlich beurteilt und nicht auf Ideologien aufgebaut sind. (8)
Einer bzw. einem infizierten Patientin/en in den 90er Jahren wurden maximal zwei Jahre Lebenszeit prognostiziert unter der Bedingung, dass sich die Person auch dementsprechend behandeln ließ. Mitte der 90er Jahre verstarben noch 50% der AIDS PatientInnen innerhalb eines Jahres. Im Jahre 2000 waren es nur noch 5%. 2010 hat sich das statistische Ergebnis gegenüber 2000 nur minimal verändert. (9) Der heutige Stand der Forschung bietet unterschiedliche Therapiemöglichkeiten und Medikationen, die beispielsweise das HIV-eigene Enzym und die schnelle Verbreitung im Körper hemmen. Andere Medikamente bewirken, dass die Zahl der freien Viren im Blut abnimmt, sich die Helferzellen vermehren und so die Immunfunktion stärken. Die symptomfreie Zeit wird verlängert und gleichzeitig verschafft die Linderung des Krankheitsbilds Erleichterung. Modernere Medikamente dominieren die HIV-Erbinformation, damit die eigenen Zellen nicht so leicht befallen werden können, oder vermindern die Produktion neuer HI-Viren in den menschlichen Zellen. (10) HAART nennt man eine sehr effiziente Kombinationstherapie der oben benannten Medikationsmöglichkeiten, die zur rechten Zeit begonnen, auf die Person maßgeschneidert und richtig durchgeführt, ein sehr effektiver Weg ist, die Erkrankung und die Sterblichkeitsrate zu minimieren. Außerdem stellt sie den bisher besten Weg dar, die Verbreitung zu kontrollieren. (11) Die Therapie von heute ist wirksamer und weniger toxisch als die früheren Therapien, die Lebenserwartung verlängert sich deutlich, nur die Lebensqualität ist nach wie vor gravierend eingeschränkt. PatientInnen entwickeln klassische Risikofaktoren für begleitende und AIDS-definierende Erkrankungen, da die Immunabwehr immer schwächer wird. Die antiretrovirale Therapie ruft also weitere Erkrankungen hervor oder kann bestehende Erkrankungen verstärken.
Die Nebenwirkungen der HIV-/AIDS-Therapie können sehr vielfältig sein und variieren je nach Medikament und behandeltem Menschen. Nebenwirkungen wie Durchfall, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Energiemangel, Verdauungsprobleme, Depressionen, Stimmungsschwankungen, sexuelle Störungen können auftreten. (12) Als Nebenwirkung kann ebenfalls gesehen werden, dass Patienten und Patientinnen Angst davor haben, andere mit ihrer Erkrankung anzustecken und grundlegend vor dem Bekanntwerden ihres HIV Status. Viel problematischer sind die Langzeitnebenwirkungen: schmerzhafte Entzündungen der Nerven in Armen und Beinen, dauerhafte Organschädigungen, Krebs, Knochenfrakturen, Leber- und Nierenerkrankungen, frühzeitiges Altern und Störungen des Fettstoffwechsels. Hierbei kommt es zum Schwund von Unterhautfettgewebe im Gesicht an Armen und Beinen sowie zur Anlagerung von Fettgewebe am Bauch und im Nacken. Dies macht die Infektion bei vielen infizierten Menschen für Kenner äußerlich sichtbar. Bei manchen PatientInnen führen starke Nebenwirkungen dazu, dass sie die Therapie abbrechen, völlig umstellen oder immer unregelmäßiger einnehmen, sodass die Wirksamkeit der Medikamente gefährdet ist. Fast alle HIV-Medikamente werden aufgrund der hohen Rate mehrheitlich von Männern eingenommen. Wie der weibliche Körper mit spezifischem Stoffwechsel auf die HIV Therapie reagiert, ist nicht umfassend bekannt. (13 ) Das Virus mutiert ständig, es wird eventuell harmloser aber dafür auch leichter übertragbar. (14) Bei auftauchenden Resistenzen vermehren sich die Viren äußerst rasch im Körper und fördern auch Mutationen. (15)
Die Wirkung vieler Medikamente variiert individuell und führt zu verschiedenen Nebenwirkungen oder erzielt nicht den gewünschten Behandlungseffekt. Kaum eine Arznei berücksichtigt die geschlechtsspezifischen oder gar genetischen Unterschiede zwischen den Patienten. In Zukunft sollen Medikamente dem persönlichen Stoffwechsel angepasst und dem individuellen menschlichen Genprofil maßgeschneidert verabreicht werden. Sogenannte Bio-DNA-Chips könnten vorab Resistenzen abklären, indem sie das Genom des Virus analysieren. Wirkungslose Medikamente würden gar nicht erst angewendet. Diese innovative Entwicklung würde zu effektiveren Behandlungsmethoden führen. (16)
In Zukunft wollen sich die Forscher und Politiker auf die Verringerung der Nebenwirkung bestehender Medikamente, die Vereinfachung der Therapien einschließlich Therapiepausen und die Senkung der Medikamentenpreise konzentrieren. Die Behandlung soll allen Infizierten zugänglich gemacht und die Resistenzentwicklungen durch eine besonders effektive Therapie verhindert werden. (18) Weiters sollen spezielle Angebote für MigrantInnen erarbeitet werden, die begonnene qualitative Therapien im eigenen Heimatland nicht fortführen können. (19) Eine umfassende Reform des Strafrechts- und Gefängnissystems muss erfolgen, damit die Wahrung der Menschrechte und adäquate Maßnahmen gegen die HIV/AIDS-Epidemie gewährleistet werden können. Jährlich werden ungefähr 30.000 Strafgefangene inhaftiert und entlassen. Die Gesundheit der Häftlinge stellt demnach ein dringliches Anliegen des öffentlichen Gesundheitswesens dar. (20) Durch die stetige Optimierung und Weiterentwicklung der bisherigen Therapieerfolge hat sich die HIV-Infektion von einer tödlichen in eine chronische, behandelbare Krankheit gewandelt. Die Lebenserwartung HIV-positiver Menschen steigt kontinuierlich. Trotzdem erfordert eine HIV-Infektion eine lebenslange Therapie mit gravierenden Nebenwirkungen, enormer Einnahmekonsequenz und ist auch mit ihren gesellschaftlichen Konsequenzen nicht zu unterschätzen. Eine tatsächliche Heilung ist auch nach fast 30 Jahren intensiver Forschung nicht in Sicht, dennoch bildet die HIV-Therapie eine der rasantesten und spannendsten Entwicklungen in der klassischen Medizin ab. (21) Die Forschung alleine trägt nicht zu nachhaltig sozialen und gesellschaftspolitischen Lösungen bei. Dafür sind wir in der Gesellschaft selbst zuständig, und jede bzw. jeder muss unabdingbar für sich persönlich Sorge MIT-tragen.
Online-Kolumnistin für Femail
Mag.a(FH) Mirjam Weber
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Montag, 09.05.2011